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„Komm‘ mit mir heut Nacht auf die Schienen
Erzähl‘ mir deine selbstgebastelte Geschichte nochmal“

In der Turnhalle am Stadtrand riecht es nach altem Gummi und Desinfektionsmittel. Im Stuhlkreis sitzen wir, den Schritt ungewohnt entblößt, niemand kann sich den vorwurfsvollen Blicken der anderen entziehen. Wie konnte es soweit kommen? Habe ich wirklich meine Freunde im Stich gelassen? Was ist in den letzten Monaten passiert, dass sie mich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen und mit vorgehaltener Waffe in diese Selbsthilfegruppe schleifen mussten, damit ich endlich wieder runterkomme? Methtod Acting ist keine Kunstform, sagen sie. Ich finde, schon. Aber mein ausgemergelter Körper vermittelt ein Bild, dem ich mich nicht länger entziehen kann – ich muss entziehen. Raus aus dem Influence der Substanzen und der Sozialen Netze, die allzu durchlässig sind für Egomanen wie mich. Etwas muss passieren, das sehe ich ein, wenn ich auf diesem Stuhl sitze, der zu klein ist und auf dem meine Knochen zu schmerzen beginnen – ich muss hier raus. Den Weg in die wirkliche Welt zurückfinden, bevor der letzte Damm bricht und ich Gefahr laufe, in trüber Konturenlosigkeit zu ertrinken.

Eine zynische Maske starrt mich mit höhnischem Ausdruck aus einem dreckigen Spiegel an. Ich lebe inmitten einer ruhigen Apokalypse, von der außer mir niemand Notiz zu nehmen scheint. Die Episoden werden länger und heftiger, aus vereinzelten Schüben werden Zustände, das Hochgefühl verwandelt sich schleichend in etwas sehr viel Dunkleres – und äußert sich in Irritation, Verwirrung, Wut und dem Gefühl, gefangen zu sein. Die grundsätzlichen Charakterzüge der paranoiden Persönlichkeit sind Wahnvorstellungen, Feindseligkeit, Misstrauen. Ich habe keine Wahnvorstellungen. Ich bin nicht misstrauisch. Vielleicht bin ich feindselig. Aber nur, weil die da draußen mich drankriegen wollen! Wenn du dich bedroht fühlst, ist es doch ganz natürlich zu reagieren. Wenn die Gefahr real wäre, dann würde meine Angst mir das Leben retten und mein Adrenalin würde mich zur Flucht oder zum Kampf antreiben. Aber das, was ich da erlebe, ist Panik. Nichts Anderes.

Wir alle wussten es: nach Not Safe For Life konnte es nicht lange so weitergehen. Es ist seit Monaten schon fünf vor 12 und nun setzt der Seelenkater ein, den man nach dem Herausbringen von neun Ausgaben eines kostenlosen „Satire“-Heftchens und dem damit verbundenen Exzess bekommen musste. Die Redaktion besteht nur noch rudimentär, viele Mitarbeiter sind abgewandert zur Konkurrenz oder haben sich nach Übersee abgesetzt. Etwas musste passieren, eine Intervention musste her. Ihr haltet nun das in den Händen, was herauskommt, wenn man mit Leib und Seele für das Publikum leidet – und „ehrlich“ Besserung gelobt.

Klima, Krieg und Kapitalismus sind bedrohlich wie lange nicht mehr, Eskalation liegt in der Luft und man fragt sich, wann endlich einer kommt, der aufräumt, im Eigenheim und in der Welt. Manche wählen dann rechts, andere bleiben verzweifelt links liegen. Der Goldene Schuß will nichts verändern, was sich nicht ändern will – es muss von innen kommen, Baby. Daher für Leser kostenlos. Die Macher zahlen drauf. Aber irgendwer muss es tun. Weil sie uns das Internet nehmen werden, wie sie uns die Bücher gestohlen haben. Nicht verboten, madiggemacht. Mit Normen, Zollgebühren, Freihandelsabkommen und Monopolbildung. Durch 140 Zeichen Aufmerksamkeitsgewöhnung. TL;DR schon beim ersten Absatz mit Nebensatzkonstruktion. Doch wir glauben daran, dass der Leser es noch kann und die Bezeichnung verdient, dass es noch nicht zu spät ist. Der Goldene Schuß kann nur unterhalten, wo Unterhaltungen immer schwerer fallen und Zynismus kein Alleinstellungsmerkmal mehr ist. Greifen wir also ein in das Geschehen, in dem wir einen Schritt zurücktreten und beobachten, ob die Leere, die wir hinterlassen, uns vielleicht ersetzen kann.

Der Meth-Redakteur.

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